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MS Hildegard

(DWARD)

Ein Blick ins Fernsehprogramm zeigt, daß Serien zu den faszinierendsten und damit meistgesehenen Formen gehören und daß ein Ende der massenhaften überflutung mit Serien noch nicht abzusehen ist. Serien machen süchtig, wenn sie mit Figuren gestaltet sind, die zur Identifikation einladen und die zu guten Freundinnen und Feunden (oder wenigstens Bekannten) werden können, über die man irgendwann genauso redet wie über tatsächliche Menschen.

Auch wenn die Serie eine genuine Form der Zeitungen, Zeitschriften und mittlerweile vor allem des Fernsehens (also der Medien, die für jeden Menschen hierzulande relativ problemlos abrufbar sind) ist, so hat sie doch, was die Identifikation betrifft, einen Anknüpfungspunkt zum Theater und zum Film. Auch hier interessieren meistens die Figuren auf der Bühne und der Leinwand, werden uns Themen und Probleme vor allem über die Menschen, die sich mit diesen Problemen befassen, vermittelt.

Daß Versuche, Serien im Theater und Film zu etablieren, immer wieder gescheitert sind, liegt nach unserer Überzeugung vor allem an organisatorischen Schwierigkeiten. An Versuchen. die so populäre Form der Serie im Theater zu etablieren, hat es in den letzten Jahren nicht gefehlt, zuletzt an der Erlanger Theaterwissenschaft vor drei Jahren; gescheitert sind sie meistens schon nach wenigen Folgen. Nach unserer Auffassung lag das daran, daß wichtige Grundgesetze der Form Serie nicht beachtet und die speziellen Möglichkeiten, die das Medium Theater im Gegensatz zum Fernsehen bietet. nicht erkannt wurden. Doch was ist unser neuer Ansatz? Was wollen wir besser machen?

MS Hildegard kommt immer am letzten Sonntag im Monat. Der monatliche Abstand ist für das Publikum leicht zu merken, der Handlungsfaden wird durch übergroße Pausen zwischen den Folgen nicht verloren. Die Wahrscheinlichkeit, daß genügend Leute sich (fast) jede Folge anschauen. schätzen wir als hoch ein; zudem werden wir darauf achten, daß für Zuschauerinnen und Zuschauer jederzeit die Möglichkeit besteht, auch in die laufende Serie einzusteigen. Um den Anreiz, zur nächsten Folge wiederzukommen, zu erhöhen, gewähren wir gegen Vorlage einer alten "MS Hildegard"-Eintrittskarte einen Preisnachlaß von 2,- DM. Nach der Pilotfolge und vier weiteren Folgen haben wir die Erfahrung gemacht, daß der Anteil von immer wiederkehrenden Stammzuschauerinnen und -zuschauern etwa 50 % ausmacht - ein deutlich höherer Wert als ursprünglich erwartet.

Inhaltlich bauen wir auf realistische, nachvollziehbare Figuren, mit denen man sich identifizieren kann und deren Schicksal man verfolgen möchte - also auf das elementare Prinzip einer Serie. Die Erfindung spannender Figuren ist oberstes Probenziel. ihre weitere realistische Entwickluiig oberstes Ziel der Handlungsentwicklung.

"MS Hildegard" startete auf einer realistischen Erzählebene. Wir können uns aber vor-stellen, irgendwann auch mehr oder weniger irreale oder gar surrealistische Abenteuer zu erzahlen, Reisen zum Mond oder auf den Meeresgrund zu unternehmen. Hier nutzen wir Möglichkeiten, die es in dieser Form nur im Theater geben kann: Wenn eine Schauspielerin oder ein Schauspieler einen an sich nicht existenten Ort anspielt, existiert er in diesem Moment - wenn auch nur in der Phantasie der Leute auf und vor der Bühne. Im Fernsehen ist für eine Reise ins Weltall dagegen in der Regel ein Millionenaufwand nötig.

"MS Hildegard" kommt mit minimalem Probenaufwand aus - auch das ist nötig, um eine Serie wirklich über einen großen Zeitraum am Laufen zu halten, immerhin erfordert jede neue Folge eine komplette inhaltliche Vorbereitung. Damit "MS Hildegard" irgendwann nicht die komplette Organisation von DWARD beherrscht, müssen wir wirtschaltlich arbeiten.

Jede Folge von ,,MS Hildegard" ist formal eine Mischung aus inhaltlichen Absprachen, den Vorgaben, die zu jeder handelnden Figur gehören und Elementen des bis vor einem Jahr laufenden DWARD-Improvisationstheater-Projektes "Schicksalhafte Begegnungen" (bei dem in jeder Vorstellung eine ganze, abendfüllende Geschichte in drei Akten komplett improvisiert wird). D.h., der Inhalt jeder Folge wird wenige Tage vor der Vorstellung in groben Zügen festgelegt, ist aber offen für Vorschläge aus dem Publikum und spontane Überlegungen des Ensembles während der Vorstellung.

Neu gegenüber "Schicksalhafte Begegnungen" ist, daß Publikumswünsche nicht unbedingt am selben Abend umgesetzt werden müssen, sondern, vor allem wenn die Charakterisierungen der Figuren es erfordern, eventuell erst Monate später. Die ursprüngliche, direkte Einflußnahme des Publikums durch Zurufe wurde mittlerweile ersetzt durch das "MS Hildegard-Vorschlagbuch", das an der Kasse jederzeit ausliegt. Dadurch gestalten sich, das zeigt die Erfahrung, die Vorstellungen streßärmer und die Geschichten klarer; auch wenn nicht verschwiegen werden soll, daß diese Regelung beim Publikum nicht unumstritten ist und sich viele spontanere Einwürfe wieder wünschen.

Die besondere Mischform von "MS Hildegard" führt dazu, daß die eigentliche Probenarbeit vor der Pilotfolge sich im wesentlichen auf das Erarbeiten der Figuren und die Festlegung des Handlungsrahmens beschränken konnte, vor allem, weil alle Beteiligten sehr viel Improvisationserfahrung mitbringen. Der Nachteil dieser Mischform aus Theater und Improvisationstheater liegt natürlich darin, daß jede Folge einmalig ist und unwiederbringlich verloren, wenn man sie verpaßt hat. Aber wenn man an die Alternative denkt, die, um zufriedenstellende Ergebnisse zu erzielen, wochenlange Proben voraussetzte, nehmen wir das in Kauf.

Erarbeitet wurden die ersten sechs Figuren vor allem auf einem Probenseminar vom 2. bis 4. Februar 1996, das in Zusammenarbeit mit dem Kulturverein Winterstein e.V. im Schloß Wiesenthau bei Forchheim stattfand. In 2 1/4 Tagen wurde die inhaltliche Grundlinie der ersten Folgen, die Charaktere der sechs Hauptfiguren und die ästhetische Linie der Serie erarbeitet. Heute liegt der Aufwand pro Folge bei etwa einer Woche Arbeit im Monat: Dazu gehört das kritische Sehen des Videos der vergangenen Folge, das Erarbeiten neuer Handlungsstränge, oft Recherchieren, dazu Proben mit den Spielerinnen und Spielern (nicht an der Folge, sondern an den Figuren), Besprechungen usw. Das typische Serienpublikum schätzt ein "zu Hause"-Gefühl bei seiner Lieblingsserie. Gewünscht sind immer wiederkehrende Elemente, für die man eine ganz eigene Vorfreude entwickelt, was in einzelnen Fällen bis zum Kult führen kann. Wir sind zuversichtlich, daß wir auf diese Liebe zum wiedererkennbaren Detail angemessen eingehen können, gerade weil wir selber solche Elemente lieben.

Die Produzentinnen und Produzenten einer Serie müssen hellhörig sein für die Wünsche inres Publikums, denn eine Serie kommt ohne Fans nicht aus. Hier liegt die vielleicht größte Herausforderung für uns: Wird es uns gelingen, auch langfristig ein festes Publikum an "MS Hildegard" zu binden? Man oart sicn oa nichts vormachen: Serien sind von ihrer Grundidee her zutiefst kommerzielle Produkte in dem Sinne, daß man zu allererst an die Bedürfnisse des Publikums denken muß. Und das gilt besonders fürs Theater, das nicht ins Haus kommt, sondern zu dem man sich aufraffen, zu dem man hingehen muß.
Wir begegnen dieser besonderen Problematik zum einen durch die bereits erwähnte Form der Publikumsbeteiligung; zum anderen durch eine inhaltliche Grundkonstruktion der Serie, die auch kurzfristige Veränderungen von Form und Inhalt zuläßt, wenn die bisherigen Folgen nicht den erhofften Erfolg brachten.
"MS Hildegard" erzählt die Geschichte einer Gruppe von ursprünglich sechs Menschen, die Deutschland und ihre vertrauten Lebensumstände aus unterschiedlichsten, teils recht dramatischen Gründen hinter sich lassen und sich auf eine Reise machen, mehr auf der Suche nach einem Gefühl als einem konkreten Ort.

Das Vehikel dieser Reise ist die "MS Hildegard", ein alter Kahn, der von einem der Protagonisten der Serie hochseetüchtig gemacht wurde. Doch schon bald treten Probleme auf: Zu gering sind die Erfahrungen mit dem Wasser und mit dem Geld, und Probleme lassen sich selten lösen, indem man vor ihnen davonsegelt - dazu kommt, daß keiner der Beteiligten längere Zeit mit anderen Menschen auf engstem Raum gelebt hat. Mittlerweile hat die Besatzung sich sehr gewandelt, von der Besetzung der Pilotfolge ist nur noch Matthias Egersdörfer übrig geblieben, neue Leute sind dazu gekommen. Am Grundprinzip hat sich aber nichts wesentlich geändert.

Die inhaltliche Konstruktion läßt alle Serienvarianten zu, sowohl fortlaufende als auch in jeder Folge abgeschlossene Handlungen, sowohl die Form des Roadmovies als auch die Form klassischer Soaps, in denen die Ereignisse innerhalb eines begrenzten Raums (eines Hauses, einer Straße...) erzählt werden. Tatsächlich wurden verschiedene Formen in den ersten Folgen ausprobiert, mit großer Experimentierfreude von Seiten der Darstellerinnen und Darsteller und von großer Spannung von Seiten des Publikums begleitet. Durch die genau ausgearbeiteten Charaktere der Figuren wird ein stilistisches Auseinanderfallen der Serie verhindert. Mittlerweile hat sich eine gewisse Routine ergeben im Umgang mit den Handlungssträngen, was nicht heißt, daß die Arbeit geringer geworden ist.

"MS Hildegard" kommt jetzt in eine Phase, wo sie nicht mehr als große Neuheit angesehen wird, sondern als Institution. Das bedeutet: Wir wissen, wie wir mit der Geschichte und den Figuren umgehen müssen; das Publikum weiß, was es erwartet. Wir haben ein festes Stammpublikum, aber auch immer wieder, überraschenderweise eher stoßweise, völlig neue Zuschauer. Die Gefahr besteht natürlich, daß "MS Hildegard" Ermüdungserscheinungen zeigt - bei einer festen Institution wäre das nach über einem Jahr nachvollziehbar. Wir versuchen dem zur Zeit entgegenzuwirken. Wir werden sehen, ob es gelingt.

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»Jetzt-Theater – Impuls-Theater-Verlag«
Impuls-Theater-Verlag
22. November 2017, 19:06 Uhr
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